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Landes-Caritasverband für Oldenburg
Donnerstag, 18. März 2010
  Presse-Information
 
Missbrauchs-Experte Tobergte im Interview
 
"Sexualisiertes Verhalten ist Alarmzeichen"

Neuenkirchen-Vörden. Der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes hat darauf hingewiesen, dass auch heute noch viele der rund 100.000 Missbrauchsfälle jährlich in Familien oder im familiären Umfeld stattfinden. Was kann man tun, um solchen Missbrauch zu verhindern?

Als erstes: Achtsamkeit von Eltern auf ihr Kind im Hinblick auf Wesensveränderungen. Achtsamkeit auf den Partner - ob er sich wegentwickelt und möglicherweise heimlich andere Dinge auslebt.

Als zweites: Als Erwachsener einen Umgangsstil von gegenseitigem Respekt vorleben und Verantwortung für Grenzen übernehmen. Das Kind ermutigen, sich mit schwierigen Erlebnissen einer Vertrauensperson anzuvertrauen. Es ermutigen, "Nein" zu sagen, ihm erlauben, zu widersprechen und zu versuchen, auch verschlüsselte Signale und Botschaften, die es zum Beispiels in seinem Verhalten sendet, als Hilferuf, als Bitte um Unterstützung zu verstehen.

Woran kann Mutter oder Vater erkennen, dass das eigene Kind missbraucht wurde?

Die Folgen, die ein Missbrauch auslöst, können sehr unterschiedlich sein. Etwa, wenn ein Kind nicht mehr isst, nicht mehr schläft, sich nicht mehr mitteilt, einen plötzlichen Leistungsabfall in der Schule hat. Solche Veränderungen im Wesen können, müssen aber nicht durch einen Missbrauch ausgelöst worden sein.

Etwas höher ist die Wahrscheinlichkeit, wenn man bei kleineren Kindern im Alter von fünf, sechs oder sieben Jahren sexualisierte Verhaltensweisen sehr oft und sehr deutlich wahrnimmt. Dass sie den Geschlechtsakt mit Puppen nachspielen oder dass sie Erwachsenen in die Genitalien greifen wollen oder dass sie so tun, als sei es normal, sofort miteinander in sexuellen Kontakt zu treten. Das kann eine Folge des Missbrauchs sein.

Wenn ein Kind also neu in einer Gruppe ist und sofort versucht, auf eine sexualisierte Weise Kontakt herstellen zu wollen, wäre das ein großes Alarmzeichen für mich.

Was sollten Mütter oder Väter tun, wenn sie Sorge haben, ob ihr Kind missbraucht wurde?

Wichtig wäre die Beobachtung als Paar untereinander zu besprechen und das Kind ohne Druck zu fragen "Was ist los mit Dir? Was beschäftigt Dich? Wir machen uns Sorgen um Dich". Wenn das über längere Zeit so bleibt oder wenn das Kind nicht mehr auf die Straße oder nicht mehr zum Nachbarn geht, würde mich auch umhören im Kindergarten oder in der Schule, ob da auch ähnliche Verhaltensweisen beobachtet werden. Ich würde mir dann auch professionelle Hilfe holen etwa in Erziehungsberatungsstellen.

Das sich Anvertrauen eines Kindes kann aber auch Zeit brauchen. Denn die Kinder haben ihre Gründe zu schweigen, die oft mit Angst zu tun haben.

Die meisten Übergriffe passieren innerhalb eines Vertrauensverhältnisses. D.h. die Kinder erleben auf der einen Seite etwas Gutes, aber auf der anderen Seite auch etwas Schlechtes und verlieren, wenn sie das Schlechte offenbar machen würden, das Gute gleichzeitig auch. Bei familiärem Missbrauch sowieso. Oft wird gesagt: "Wenn Du das sagst, kommst Du ins Heim!" Oder ältere Kinder wissen, dass der Vater-Täter gehen müsste, dass es zu einer Trennung kommen müsste. Da hindert das Kind daran, es aufzudecken.

Dürfen Eltern also nicht mehr mit den Kindern kuscheln?

In den 90er Jahren wurde die körperliche Nähe diffamiert, man dürfe nicht mehr kuscheln mit den Kindern. Das wäre schon sexueller Missbrauch. Dem widerspreche ich: Es ist natürlich wichtig, dass man mit dem Kind kuschelt, es in den Arm nimmt. Dass man ihm über den Kopf streichelt. Aber, alles, was in den Genitalbereich geht oder wenn eine erotische oder sexuelle Komponente vom Erwachsenen gespürt oder gar beabsichtigt wird, dann ist das natürlich in den Bereich des sexuellen Missbrauchs einzuordnen.

Ulrich Tobergte ist unter anderem Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut sowie Leiter der Tagesklinik der Clemens-August-Jugendklinik (= Fachkrankenhaus für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie).

Hinweis: Seit über 15 Jahren gibt es im Landkreis Vechta einen Arbeitskreis für Fachleute (Mitarbeiter von Beratungsstellen, Leiterinnen von Kindergärten, Psychiater, etc.) zum Thema "Sexuelle Gewalt". Für Eltern ist dazu ein Faltblatt erschienen, das erhältlich ist bei: Caritas-Sozialwerk,   Erziehungsberatungsstelle Vechta, Tel. 04441 / 8707-690.

Dietmar Kattinger
Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel. 04441/8707-640


 
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