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Stand: 18.12.2014

Pressemitteilung

Niedersachsen: Migranten stark von Armut bedroht

Cloppenburg-Stapelfeld / Vechta / Niedersachsen. Zugewanderte Menschen sind in Niedersachsen nach Schleswig-Holstein bundesweit am stärksten gefährdet, arm zu werden. Das hat Professor Lothar Eichhorn vom niedersächsischen Landesamt für Statistik bei der 26. Migrationstagung am Dienstag, 5. Dezember, in Cloppenburg-Stapelfeld betont.

Demnach seien 43 Prozent der Ausländer in Niedersachsen armutsgefährdet. (Schleswig-Holstein: 45 Prozent). Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens verdient.

Auch der Unterschied von 29 Prozentpunkten zur Armutsquote derjenigen Bürger im Land ohne Zuwanderungsgeschichte (12,2 Prozent) sei der zweithöchste im Bundesgebiet (21,5 Prozent).

Durchschnittlich lag die Quote der Armutsgefährdung 2016 bei landesweit 16 Prozent, so Eichhorn in der Katholischen Akademie Stapelfeld vor 140 Teilnehmenden. Das höchste Risiko, in die Bedürftigkeit abzurutschen, hätten Erwerbslose gefolgt von Alleinerziehenden, Geringqualifizierten und kinderreichen Familien. Sei diese Zahl im Flächenland bis 2005 auf rund 14,3 Prozent gesunken, sei sie seit 12 Jahren kontinuierlich wieder angestiegen, so Eichhorn.

Die Zunahme der Gesamtzahl an Armutsgefährdeten sei fast ausschließlich auf den Flüchtlingsstrom zurückzuführen, so der Referent. Eichhorns Fazit: Die größte soziale Spaltungslinie in Niedersachsen im Blick auf Armut verlaufe entlang der ethnischen Herkunft.

Beschäftigungschancen für zugewanderte Menschen sind derzeit - so Eichhorn - in einigen Großstädten, der Region Hannover sowie dem Landkreis Vechta landesweit am besten.

Historisch betrachtet sei der wirtschaftliche Erfolg in den Regionen Wolfsburg sowie dem Oldenburger Münsterland durch die Zuwanderung von Italienern sowie aus der ehemaligen Sowjetunion stark befördert worden.

Syrien, Irak und Polen seien die Länder, aus denen die meisten der rund 120.000 Flüchtlinge im Jahr 2015 nach Niedersachsen gekommen seien, berichtete Eichhorn. Gefolgt von Afghanistan, Rumänien und Bulgarien.

Als Hauptgrund für eine Zuwanderung aus Ländern der Europäischen Union nannte Eichhorn an erster Stelle die höheren Löhne in Deutschland, gefolgt von Armut und Arbeitslosigkeit in den Herkunftsländern. Diese Zuwanderung vor allem aus Osteuropa "wird so lange weiter gehen, wie es die großen Lohndifferenzen gibt", ist Eichhorn überzeugt.

Eine höhere Arbeitslosenquote, ein niedrigeres Durchschnittseinkommen als im Landesdurschnitt sowie ein höheres Durchschnittsalter nannte der Statistikexperte als Gründe, warum in den Städten Delmenhorst, Wilhelmshaven und Salzgitter, in denen es derzeit eine Zuzugsbeschränkung für Migranten gibt, viele für sich keine Perspektive sähen. Entsprechend niedrig sei die Wahlbeteiligung gewesen. Von insgesamt 87 Wahlkreisen hätten diese drei Städte die Plätze 87, 86 und 85 belegt.

Dass Integration und Teilhabe geflüchteter Menschen Schwerpunkte niedersächsischer Politik seien, belegte Dr. Hans-Joachim Heuer vom niedersächsischen Sozialministerium an Hand des neuen Koalitionsvertrages. Integration sei dann gelungen, wenn Zugewanderte teilhaben könnten an Sprache, Gesundheitssystem, Arbeit und Bildung, führte Heuer aus.

Persönlich sehe er im Bereich der Migration "keinen akuten Anpassungsbedarf" im Blick auf die Vorgängerregierung. Alle Beteiligten könnten vielmehr in Routine weiterarbeiten, zeigte Heuer sich dankbar. So werde beispielsweise das Bündnis "Niedersachsen packt an" fortgesetzt. Ebenso werde an den Förderprogrammen für Salzgitter, Wilhelmshaven und Delmenhorst festgehalten.

Ein Problem sei allerdings nach wie vor die Behandlung traumatisierter Zuwanderer. Nachgedacht werde, wie man fehlende Zeugnisse ersetzen könne. Integration in Arbeit dauere realistischer Weise sechs bis sieben Jahre, sagte Heuer. Auch wenn das Thema mit Scham und Peinlichkeit besetzt sei, müsse über ‚Rückkehr‘ gesprochen werden, machte der der Abteilungsleiter deutlich.

Kritisch beurteilten Vertreter der Wohlfahrtsverbände die Rückkehrprämie von bis zu 3.000 Euro. Zum einen sei der Westbalkan davon ausgenommen. Zum anderen sei Syrern ihre Angst um Leib und Leben nicht durch eine solche Summe zu nehmen.

Veranstalter der Tagung waren neben der Katholischen Akademie das Niedersächsische Sozialministerium sowie die Wohlfahrtsverbände Rotes Kreuz, Diakonie und Caritas.

Zitat:
"Wenn Europa sich mit Stacheldraht und Mauern abkapselt, verliert es eine Seele. Europa ist durch Flüchtlinge geprägt und entstanden."
Prof. Lothar Eichhorn, Hannover

Dietmar Kattinger, 07.12.2017

 

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