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Stand: 22.01.2019

Pressemitteilung

Populisten bieten scheinbaren Schutz vor rasantem Wandel

Oldenburg / Oldenburger Land (LCV) Deutschland befinde sich derzeit in einem „raschen, umfassenden und fundamentalen gesellschaftlichen Wandel“, bilanzierte Dr. Kai Unzicker von der Gütersloher Bertelsmann-Stiftung am Mittwoch, 4. September.

Auch wenn drei Viertel der Bundesbürger den gesellschaftlichen Zusammenhalt als gefährdet betrachten, verzeichneten die wissenschaftlichen Studien der Bertelsmann-Stiftung zwischen 1990 und 2017 „keine dramatischen Einbrüche“. Als Grund führte Unzicker bei der Veranstaltung von Landes-Caritasverband und dem Oldenburger Forum St. Peter an, dass die Befragten mit ihrem persönlichen Umfeld zufrieden seien.

Im Blick auf das gesamte Land hingegen befände sich Deutschland gefühlt „seit zehn Jahren in einer dauerhaften Krisenhaftigkeit“. Und dies trotz niedriger Kriminalität und Arbeitslosigkeit. Lösungen scheinen nicht mehr greifbar, so Unzicker bei der Veranstaltung im Rahmen der Caritas-Kampagne „Wir ist größer als Ich“.

Am Beispiel der Klimakrise werde deutlich, dass es den Zustand von vorher nicht mehr geben werde. Die Digitalisierung sei eine weitere Ursache der fundamentalen Veränderung. Fast vergessen werde der demographische Wandel, der in eine stark von Älteren dominierte Gesellschaft hineinführe.

Eine Reaktion auf die Umwälzungen sei die Zunahme autoritärer und populistischer Kräfte mit ihrer zentralen Botschaft: „Wir beschützen Euch vor diesen Entwicklungen.“ Mit dem Mauerbau wolle man in Amerika beispielsweise die Sehnsucht nach der guten alten Zeit erfüllen.

Ergeben hätten die Bertelsmann-Studien allerdings, so Unzicker, dass der Zusammenhalt in manchen Regionen Deutschlands stärker sei als in anderen. So hätten auf eine beispielhafte Frage in Hamburg zehn Prozent geantwortet, dass sie sich keine Ausländer als Nachbarn wünschen. In Brandenburg hingegen 43 Prozent. Und nur ein Prozent der Interviewten dieser Region habe angegeben, dass die Gesellschaft gerecht sei. Grundsätzlich sei der Zusammenhalt dort geringer, wo mehr Schüler ohne Schulabschluss leben.

Rückläufig sei außerdem die Zustimmung zur Demokratie: Von 76 Prozent im Jahre 2017 sei sie im letzten Jahr auf 69 Prozent gesunken. 2019 liege der Wert nur noch bei 52 Prozent. „Ein globaler Trend“, berichtete Unzicker.

In der Haltung gegenüber Leiharbeitern habe sich nichts Substantielles verändert, kritisierte Pfarrer Peter Kossen (Lengerich). „Nach wie vor darf der Weber-Grill 2.000 Euro kosten, die Wurst aber nur 80 Cent.“ Seine Forderung im Blick auf einen gesellschaftlichen Zusammenhalt: „Personen nicht als Menschen 2. Klasse behandeln und konkret für das Leben einzustehen.“ Seiner Kirche wünschte er, „aus der Selbstbezogenheit heraus zu kommen, weniger Angst und mehr Weite.“ Schließlich sei sie kein Selbstzweck.

Seinen unternehmerischen Grundsatz „Man muss es angehen“ gab Arndt Bessing, Geschäftsführer der in Oldenburg ansässigen Firma Cewe-Print, an die Zuhörer im Forum St. Peter weiter. Den Schritt hin zu 4.000 Mitarbeitenden an 13 Standorten in Europa hätte das Unternehmen nicht geschafft „ohne Rücksicht auf jede einzelne Person“ im Unternehmen. Die Digitalisierung habe nicht wie bei anderen Firmen der Branche zum Untergang geführt, sondern zu einer Verzehnfachung der Bilder.

Von einem bundesweiten Zusammenhalt innerhalb der Hospizbewegung in Deutschland berichtete Renate Lohmann, Leiterin der Stiftung Hospizdienst Oldenburg. Wenn etwa ein ehrenamtlicher Hospizhelfer der Huntestadt nach München käme, würde ihm von der dortigen Hospizgruppe sofort ein Übernachtungsquartier angeboten. Die Hospizarbeit verstehe sich bundesweit als Familie. Die Tätigkeit sei eine äußerst sinnstiftende. „Die Menschen dürfen so sein wie sie sind“, beschrieb Lohmann die Oldenburger Ehrenamtlichen im Alter zwischen 16 und 84 Jahren.

Moderiert wurde die Veranstaltung durch den Journalisten der Nordwest-Zeitung, Jürgen Westerhoff (Wilhelmshaven).

Dietmar Kattinger
Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel. 04441 8707-640

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