Cloppenburg (LCV) Bis zu 6,5 Prozent der Bundesbürger könnten im Jahr 2050 pflegebedürftig sein, berichtete der Osnabrücker Pflegeexperte Professor Dr. Andreas Büscher beim 30. Tag der Altenpflege am Donnerstag, 6. April. Im Idealfall seien es nur 4,4 Prozent.
Bereits heute seien nach Angaben des statistischen Bundesamtes 2,9 Millionen Deutsche pflegebedürftig. Rund zwei Millionen und damit 73 Prozent von Ihnen würden zu Hause versorgt, sagte der gelernte Krankenpfleger und Pflegewissenschaftler, der auch an der Entwicklung von Bundesgesetzen beteiligt ist.
So seien es insgesamt sechs Millionen Menschen, die sich in Deutschland jeden Tag mit dem Thema Pflege beschäftigen. "Tendenz steigend", so Büscher in der Cloppenburger Stadthalle vor rund 450 Zuhörenden.
Völlig unterschätzt werde der "gigantische Beratungsbedarf", den es bei der Pflege gäbe, kritisierte Büscher. Ein Drittel der zu Pflegenden werde jährlich "ausgetauscht" und damit 900.000 Haushalte jährlich neu und erstmals vor die Frage gestellt: "Wie gestalten wir die Pflege unserer Mutter? Soll sie ins Heim? Pflegen wir sie zu Hause?" Büscher: "Ohne die pflegenden Angehörigen würde das System von heute auf morgen mit Pauken und Trompeten zusammenbrechen."
"Eines der großen Tabus" sei die wissenschaftlich nicht erfasste Zahl der osteuropäischen Pflegehilfen. Eine unbestätigte Zahl gehe von 100.000 im Bundesgebiet aus.
"Im Blick auf die Pflegeroboter will ich Ihnen die Angst nehmen", blickte Büscher in die Zukunft, auch wenn sie nicht unbegründet sei. In einer Zeit, in der in Japan bereits eine elektronische Windel erfunden worden sei, und man einem Dementen einen Chip einpflanzen könne, der beim Überschreiten etwa der Dorfgrenze ein Signal auslösen würde, gelte es, den Dialog zwischen Pflege und Technik zu führen. Derzeit finde die technische Entwicklung ohne die Kompetenz der Pflege statt, bedauerte Büscher.
Die Reform durch das Pflegestärkungsgesetz bezeichnete der Hauptreferent als "Ankerpunkt, von dem aus man weiter gehen kann." Sei ‚Pflege‘ früher gleichbedeutend mit ‚Verrichtungen‘ gewesen, gehe es jetzt um die Frage: "Wie ist ein Mensch in seiner Selbständigkeit beeinträchtigt?"
Gleichzeitig seien noch viele Fragen offen. Es könne beispielsweise nicht sein, dass Personal eingespart wird, weil man weniger dokumentieren muss. Sein Rat an die zuhörenden Pflegekräfte: "Nur auf die Politik zu warten, wird nicht helfen. Machen Sie sich auf den Weg, eigene Antworten zu entwickeln."
Im Blick auf mangelnden Pflegenachwuchs empfahl Büscher eine "Ausdifferenzierung des Pflegeberufs". Nicht für alles in der Altenpflege brauche es ein Studium, sagte der Referent. "Für manches aber sehr wohl!" Unbeachtet bliebe das große Potential von Wiedereinsteigerinnen nach der Familienphase.
Deutliche Kritik am geplanten ‚Pflegeberufegesetz‘ hat der stellvertretende Direktor des Landes-Caritasverbandes, Honorarprofessor Dr. Martin Pohlmann, geübt. Es sei "erschreckend" und eine "Politposse", dass die vor acht Jahren angekündigte Vereinheitlichung der Ausbildung in der Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege zur sogenannten ‚generalistischen Ausbildung‘ noch nicht umgesetzt sei. Pohlmann: "Wir brauchen die Reform im Blick auf den Nachwuchs und wir brauchen sie jetzt!"
"Selbständigkeit als Maß der Pflegebedürftigkeit" lautete der Titel des Vortrags von Elke Rösen, Krankenschwester und Buchautorin aus Rheine. Die Altenpflege aus kabarettistischer Sicht hat Sybille Bullatschek dargestellt.
Der Startschuss zum Tag der Altenpflege fiel am 17. März 1988 in der damaligen "Heimvolkshochschule Stapelfeld", als die Altenpflegeschule des Pius-Stiftes dort eine Pflegewoche verbrachte. Auf Grund einer späteren Teilnehmerzahl von 650 wurde die Veranstaltung im Jahre 1994 in die Stadthalle verlegt.
Veranstalter des 30. Tages der Altenpflege war die Berufsfachschule Altenpflege des Cloppenburger Piusstiftes sowie weitere Einrichtungen innerhalb des Landes-Caritasverbandes für Oldenburg.
Dietmar Kattinger