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Pressemitteilung

"Depression im Alter überaus gefährlich"

570 Teilnehmer beim 24. Tag der Altenpflege - Suizidexperte Wächtler: Bei Verdacht, Suizidgefährdete ansprechen - Altenhilfereferent Bockhorst kritisiert Pflege-Transparenz-Verfahren als "krank"

Erschienen am:

08.04.2011

  • Beschreibung
Beschreibung

Cloppenburg. Die hohe Gefahr von Depression im Alter hat der Hamburger Chefarzt Dr. Claus Wächtler (63) am Donnerstag, 7. April, dargestellt. „Wird sie nicht behandelt, sind Patienten hochgefährdet, sich umzubringen“, machte er beim 24. Tag der Altenpflege in der Stadthalle Cloppenburg deutlich. Gefährdet seien besonders Männer. Auch in Ostdeutschland läge die Selbsttötungsrate höher als im Westen der Republik, sagte er vor knapp 600 Zuhörern.

Von den jährlich rund 9.000 Suiziden in Deutschland würden 3.300 von Menschen über 65 begangen, berichtete der Psychiater und Psychotherapeut bei der Veranstaltung von Landes-Caritasverband sowie der Cloppenburger Altenpflegeschule St. Pius-Stift.

Als Ursache gebe es in der Regel nicht einen einzelnen Faktor, sondern immer ein Gemengelage. Oft seien auch nicht reale Ereignisse der Auslöser, sondern die Befürchtung beispielsweise vor Vereinsamung oder einer Apparatemedizin.

Ältere Menschen kündigten ihren Suizid seltener an und gingen gleichzeitig aber entschlossener dabei vor. Bei Jüngeren habe der Hinweis häufig Appell-Charakter. Auf keinen Fall treffe das Sprichwort zu: „Hunde, die bellen, beißen nicht.“ Jede Ankündigung einer Selbsttötung gelte es daher ernst zu nehmen.

45 Prozent aller Menschen, die ihr Leben selbst beenden, gehen eine Woche davor zum Hausarzt und machen diesbezügliche Andeutungen. Deutlich widersprach Wächtler dem Irrglauben, dass das Fragen, ob jemand daran denkt, sich umzubringen, diese Absicht verstärke. Wächtler: „Das Fragen schadet nicht.“ Im Gegenteil könne das Gespräch oder das Angebot einer Beziehung helfen.

Entschieden wandte sich der Referent auch gegen eine „falsche Toleranz“ im Sinne von „Der darf sich umbringen“. Nötig sei vielmehr, dass der alte Mensch unterstützt werde und sich seine Situation verbessere. Auch gelte grundsätzlich: „Depressivität darf nicht als Lebensnormalität gedeutet werden.

Im Bereich der Depression gelten zehn Prozent aller über 65-Jährigen als diagnostisch nachweisbar depressiv. Damit sei diese Zahl nicht höher als bei jungen Menschen. Einen deutlichen Unterschied aber gebe es bei Depressionen, die direkt unterhalb der Grenze ihrer Feststellbarkeit liegen. Gekennzeichnet etwa durch fehlende Lebensfreude. In diesem Sinne sei ein Viertel aller älteren Menschen depressiv, sagte Wächtler. Ein Grund sei, dass Ältere auch heute noch massiv unter den Folgen des Krieges litten.

Als „politische Katastrophe“ bezeichnete es der Referent, dass für Menschen über 65, obwohl von Kassen finanziert, im Grunde keine Psychotherapie mehr genutzt werde. Entgegen einer landläufigen Meinung, „ist Psychotherapie auch im Alter möglich“, unterstrich der Hamburger Experte.

Bezüglich Medikamenten machte Wächtler deutlich, dass sie sehr wohl nützen könnten. Allerdings käme es auf die richtige Dosierung an. Sein Appell: Mit möglichst wenig Medikamenten auskommen.

Sein Rat jenseits von Medizin: „Das Alter lebenswert gestalten.“ Betagte Menschen am Leben teilhaben zu lassen, in dem sie beispielsweise auch jenseits der 70 zwischen fünf   bis zehn Stunden pro Woche arbeiten. „Flexible Lösungen“, mahnte der 63-Jährige an, der seit 1988 Chefarzt der Abteilung für Gerontopsychiatrie einer Hamburger Klinik ist.

Das derzeitige Pflege-Transparenz-Verfahren kritisierte der Referent für Altenhilfe des Landes-Caritasverbandes, Manfred Bockhorst. Dieses System sei „krank“. Bockhorst kritisierte, dass Einrichtungen, die viel dokumentieren, allein schon deshalb gut abschneiden würden. Sein Appell: „Endlich weg vom Schreibtisch, hin zu dem Menschen, der unsere Hilfe braucht.“

Auf die Bedeutung von Religion und Glaube als Bewältigungsstrategie bei der Überwindung von Depression wies Caritasdirektor Dr. Gerhard Tepe hin.

Über die Pflege bei Depressionen sprachen Therese Kantereit und Dirk Tenfelde aus der Karl-Jaspers-Klinik in Bad Zwischenahn.

Zitat:
„Leben ist ein ständiger Abschiedsprozess. Wenn der nicht gelingt, kann es zu einer Krise oder gestandenen Krankheit kommen.“

 

„Ich möchte, dass das, was wir heute können, denen zukommt, die es brauchen.“
Dr. Klaus Wächtler

Dietmar Kattinger
Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel. 04441/8707-640

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