Vechta.
Nein, es war nicht leicht,
Teilnehmerinnen `von außen` zu finden. Eine „gewisse Ängstlichkeit“ würde es
geben, beschreibt Fachbereichsleiter Georg
Hackstette
seine Schülerinnen der Fachschule Marienhain in Vechta. Ein Unbehagen davor,
sechs Mal am Freitagnachmittag ins Frauengefängnis in Vechta zu gehen und dort
zusammen mit inhaftierten Jugendlichen ein `Lebensbuch` zu erstellen.
Im
leicht gelb gekachelten Raum mit Betonfußboden sitzen schließlich doch fünf
Schülerinnen der Vechtaer Fachschule Marienhain fünf gleichaltrigen Inhaftierten
im Stuhlkreis gegenüber. In der Mitte ein großes, gemeinsam erstelltes Bild am
Boden. Zusammen mit zwei Künstlerinnen sind die zehn jungen Frauen eingeladen, `
Libros
Experimentales` zu erstellen. `Lebensbücher`.
Vorurteile
hätten sie gehabt, gestehen die angehenden Erzieherinnen ein. Und auch die cool
auf ihren Stühlen lümmelnden Inhaftierten hatten ‘ein flaues Gefühl im Magen’.
Ob die von da draußen sie verachten würden, auf sie herab gucken, hat die
schwarz gekleidete und schwarzhaarige Britta Angst.
Die
muss irgendwie verflogen sein. “Hast Du einen Freund?” will sie beim ersten Treffen
wissen. Oder: “Ist deine Haarfarbe echt?”
Für
die Künstlerin Meike
Dismer
ein “fantastischer
Start”. “Da haben sich einfach junge Menschen getroffen, die sich gegenseitig
beschnuppert haben”, schwärmt die Oldenburgerin. Zusammen mit der Argentinierin
Terez Fothy, ebenfalls Oldenburgerin, arbeitet Dismer zwar zum zweiten Mal mit
Inhaftierten, aber zum ersten Mal mit Gefangenen und Freien. „Wir haben viel
gelacht“, schwärmt die 47-Jährige. „Begegnung ist auf Augenhöhe geschehen.“
Doch
dann wird
Dismer
auch wieder leiser. Schockierend sei
für sie gewesen, dass alle Inhaftierten, als sie Bäume malen sollten, diese
ohne Wurzeln gemalt haben. Die angehenden Erzieherinnen dagegen hätten ausladende,
tiefe Wurzeln zu Papier gebracht. „Wie im Lehrbuch“, sind
Dismer
und
Fothy
fasziniert und schockiert gleichzeitig.
Für
Petra
Huckemeyer
, stellvertretende Leiterin der
Frauen-JVA in Vechta, verständlich. „Für viele hat es wenig Nahrhaftes gegeben
in ihrer Zeit vor dem Aufenthalt“, ist die gelernte Pädagogin selbst
berührt.“Ich
staune oft, wie lange es diese Menschen
ausgehalten haben, bei all dem was sie an Gewalt, Missachtung und Missbrauch in
ihrem Lebensrucksack haben.” Für viele seien die Gitterstäbe auch ein Schutz, die
JVA-Mitarbeiterinnen wie eine Familie.
Dass
der Kurs für die Inhaftierten eine heilende Wirkung hat, davon sind Huckemeyer
und die Oldenburger Künstlerinnen überzeugt. „Zeichnet eine Frucht“, lautet der
Auftrag an die zehn Teilnehmerinnen. “Zeichnet Euch als Frucht!” Wieder einmal
sind die Inhaftierten mit ihrem Kunstwerk nicht zufrieden, wollen alles
übermalen, ausradieren. “Man kann Dinge nicht auslöschen, sondern muss mit dem
zurecht kommen, was man hat”, bremst
Dismer
und
ermutigt dazu, Dinge erst einmal auszuhalten.
Tief
im Herzen berührt es sie, als die ‘Freien’ die von den Gefangenen gehassten
Bilder auswählen und ‘für schön befinden”.
Eine
Begegnung, von der auch der stellvertretende Schulleiter
Hackstette
und Caritasdirektor Dr. Tepe angetan sind. Derzeit werde viel von Inklusion im
Behindertenbereich gesprochen. „Was hier geschieht, ist ebenfalls Inklusion und
das im doppelten Sinne.“ Daher unterstützt nicht nur der Landes-Caritasverband
das Pilot-Projekt, sondern ebenfalls die ‚Irmgard und Willi Steiner Stiftung‘
mit Sitz in München, die auf die Arbeit der Frauen-JVA in Vechta aufmerksam
wurde.
Auch
wenn sich Inhaftierte und Freie bei Körperübungen berühren und Bilder zusammen
gemalt und gehalten werden: Im Stuhlkreis bei der Auswertung sitzen sie auch
beim dritten Gruppentreffen noch getrennt. Für Huckemeyer durchaus
verständlich. Für “respektvoll” hält sie, dass die ‘Freien’ ihre Altersgenossinnen
erst beim dritten Treffen nach dem Grund fragen, warum sie ‘sitzen’ müssen.
Und
spricht ihre Hoffnung aus: “Vielleicht entsteht nach den insgesamt sechs
Treffen eine Gruppe, die sich alle vier Wochen zu einem Spielenachmittag
trifft”, schlägt die charismatische Leiterin vor. Oder eine angehende
Erzieherin begleitet eine Inhaftierte, sobald diese Freigang habe.
Denn,
dass
Huckemeyer
nicht nur hier auf den ‘Dialog’ mit
der Gesellschaft setzt, ist ihr völlig klar: “Inhaftierte sind morgen unsere
Nachbarn.”
Für
einen Kasten:
Die Jugendlichen im Vechtaer Frauengefängnis sind zwischen 14 und 24 Jahren.
Ihre Aufenthaltsdauer beträgt zwischen sechs Monaten und 10 Jahren. In Vechta
gibt es 43 Haftplätze für junge Frauen aus den Bundesländern Niedersachsen,
Schleswig-Holstein, Bremen und Hamburg. Insgesamt gibt es in Niedersachsen an
den Standorten Hildesheim und Vechta 329 Haftplätze für weibliche Gefangene.
Dietmar Kattinger
Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel. 04441/8707-640