Herr Tremmel, die Medien schildern die Lage in Ostafrika als dramatisch. Sie kommen gerade aus dem Südsudan. Wie ist die Lage dort aktuell?
Die Lage ist in der Tat dramatisch. Seit Ende 2013 besteht ein andauernder Bürgerkrieg, der im Juli des letzten Jahres wieder verstärkt aufgeflammt ist. Regierung und Opposition sind Stellvertreter verschiedener ethnischer Gruppen und bekriegen sich offen. Die Menschen können daher zu einem großen Teil nicht auf ihre Felder und können sich so nicht selbst versorgen. Sie leiden größtenteils extrem an Hunger. Es gibt kaum Zugang zu medizinischer Versorgung und sauberem Trinkwasser.
Also sind nicht das Klima oder die Dürre schuld an der Misere!?
Richtig! Es fehlt auch nicht das Wissen, sondern die Menschen haben zu wenig Zugang zur Nahrungsmittelproduktion. Es ist schlicht zu gefährlich, aufs Feld zu gehen. Es fehlt der Frieden. Wir haben eine faktische Kriegssituation und damit Millionen Menschen in Hunger.
Was muss getan werden?
In erster Linie geht es darum, akut Nahrungsmittel zur Verfügung zu stellen. Im Anschluss daran dann Saatgut, Werkzeug und Schulungen. Das funktioniert aber tatsächlich erst dann, wenn Sicherheit herrscht. Das heißt, wenn Menschen in Hausnähe oder auf ihren Feldern Sicherheit haben. Da ist die internationale Gemeinschaft gefragt.
Wie groß kann ich mir das Gebiet vorstellen?
Betroffen sind auch Äthiopien, Kenia, Somalia. Wenn wir das nur auf den Südsudan beziehen, sind es mehrere Millionen Quadratkilometer. Eine Fläche fast doppelt so groß wie Deutschland. Von den etwa zwölf Millionen Einwohnern dort sind fünf Millionen von akutem Hunger betroffen. Das Land ist extrem von externer Hilfe abhängig.
Was kann, was sollte jemand aus dem Oldenburger Land und aus dem Bundesgebiet kurzfristig tun? Was kann er langfristig tun?
Sich kurzfristig orientieren an den Hilfsleistungen, die wir als Caritas international zusammen mit unseren Partnern vor Ort bereitstellen. Wir richten unser Hauptaugenmerk derzeit auf Nahrungsmittelhilfe und Maßnahmen zur Ernährungssicherung, also landwirtschaftliche Hilfsprojekte.
Das heißt konkret?
Wir richten uns danach, was uns unsere Partner vor Ort, also beispielsweise Kirchengemeinschaften, Schwesternkongregationen und Nicht-Regierungsorganisationen melden. Dort, wo Trinkwasser gebraucht wird, versuchen wir, Brunnen zu bohren. Wo Nahrung gebraucht wird, liefern wir Nahrungsmittel,
Und welche werden gebraucht?
Alles das, was den Menschen kurzfristig Energie gibt, den Magen füllt, was nicht unverhältnismäßig teuer ist und was sie kulturell bedingt kennen. Sorghum ist Grundnahrungsmittel Nummer eins, Bohnen, Erdnüsse und Öl werden ebenso gebraucht wie Salz und Zucker. Das sind ganz einfache Dinge, um das Überleben zu sichern. Die Aufgabe ist, mit den vorhandenen Ressourcen möglichst vielen Menschen wirksam zu helfen.
Das heißt Sie brauchen Geld…!?
In der Tat. Wir brauchen zusätzlich viel Geld für den Transport in den und innerhalb des Südsudans. Wir haben schlechte Straßen, die Sicherheitslage ist so prekär, dass die Konvois teilweise durch Sicherheitsdienste geschützt werden müssen.
Das Ganze geht nur außerhalb der Regenzeit. Auch hier stehen wir unter Druck, denn die Regenzeit beginnt bald. Mit Beginn des Monats Mai wird der erste stärkere Regen fallen.
Der Lufttransport ist auch möglich, kostet aber das Zehnfache des Straßentransports. Das machen wir nur in schwer entlegenen Regionen.
Wo funktionsfähig, versuchen wir natürlich, die Märkte vor Ort bestmöglich zu stimulieren. Der Rest muss aus den Nachbarländern importiert werden, beispielsweise Kenia oder Uganda.
Was macht Caritas international sonst noch?
Wenn Anbau möglich ist, bringen wir Saatgut, Setzlinge, Werkzeuge und Schulungen vor Ort, damit sich die Menschen besser selbst versorgen zu können. Wir arbeiten darüber hinaus im Bereich Konfliktlösung und Friedensmanagement. Aber selbst wenn Frieden kommt, wird sich die Situation der strukturellen Armut in den nächsten Jahren nicht grundlegend ändern. 1,6 Millionen Südsudanesen sind in Nachbarländer geflohen. Wir haben derzeit 1,9 Millionen Binnenvertriebene. Unter allen konzentrieren wir uns auf die Ärmsten der Armen.
Bei all dem, was sie jetzt selbst erlebt haben, was schockiert Sie dabei am meisten?
Wie sehr die Menschen dazu im Stande sind, Ihresgleichen Grausamkeiten an zu tun. Laut Meldungen der UN sind alle Anzeichen eines Genozids im Südsudan erfüllt. Viele Menschen trauen den anderen um sich herum nicht mehr. Selbst innerhalb von Nachbarschaften bringen Menschen einander wegen Nichtigkeiten um - wegen falscher Statements, falscher Gruppenzughörigkeit oder einfach aus Gier. Das spiegelt sich oft in klaren Gegensatzpaaren: Viehhirten gegen Kleinbauern, Regierung gegen Opposition.
…Während in Deutschland gleichzeitig für eine App geworben wird, die einem auf dem Handy anzeigt, wie warm der fünf Meter entfernte Grill gerade ist.
Das ist das Zweite, was mich schockiert: Die Ignoranz der nördlichen Industriegesellschaft der globalen Situation gegenüber. Bei uns werden Millionen Euro zum Beispiel für Formel 1 oder Fußballveranstaltungen ausgegeben in einer verschwenderischen und dekadenten Weise. Den Menschen im Südsudan oder in Somalia wäre schon mit einem Bruchteil dieses Geldes viel geholfen.
Simon Tremmel (35), ist als Projektreferent bei Caritas international unter anderem für die Hilfe im Südsudan zuständig. Tremmel ist von Hause aus Raum- und Umweltplaner, und stammt aus Speyer.
Der Landes-Caritasverband für Oldenburg bittet um Spenden zu Gunsten von Caritas international. Stichwort: Ostafrika: Darlehnskasse Münster, BLZ: 40060265 , Konto: 40 63 500.
Dietmar Kattinger, 27.03.2017