Oldenburger Münsterland. „Das Eis-Bestellen ist das Schlimmste“, sagt sie. Wenn fünf Menschen hinter mir in der Schlange stehen und sie vor der gebogenen, gläsernen Scheibe mit den vielen bunten Eissorten dahinter zwei Kugeln Stracciatella bestellen möchte. Dann kommt manchmal gar kein Wort mehr über ihre Lippen, denn Daniela* stottert.
„Das ist, als säße man im Rollstuhl“, schildert die Mutter von inzwischen jugendlichen Kindern. „Man will, aber man kann nicht.“ Es sei, als bräuchte man Krücken für die Zunge.
Angefangen habe das im Alter von drei Jahren, offenbart die Südoldenburgerin, während sie ganz ruhig in ihrem braunen Ledersessel sitzt, die Hände gefaltet im Schoß liegend. „Ich hatte eine ganz schlimme Lungenentzündung“, erzählt die End-Vierzigerin aus dem Landkreis Vechta – immer wieder um Worte, ja Silben ringend. „Das weiß ich auch nicht, ob wir die noch durchkriegen“, muss ein Arzt die Schwere ihrer Erkrankung damals beschrieben haben.
Was aber vermutlich noch viel mehr wiegt: Durch eine Putzfrau des Krankenhauses hätten ihre Eltern später erfahren, dass die Kinder dort geschlagen worden seien, erzählt die leidenschaftliche Jagdhornspielerin, für Daniela die Erklärung für das, was sie selbst heute ‚Behinderung‘ nennt.
Und ein Handicap sei das Stottern bei Vielem. „In der Schule, das war die Hölle“, sagt Daniela. „Ich habe mich immer in die Ecke gestellt, wo ich mit niemandem sprechen musste.“ Auch das laute Vorlesen sei schlimm gewesen, erinnert sich die gelernte Holzmechanikerin, die inzwischen den Führerschein gemacht hat und größere Fahrzeuge lenken darf. Am schlimmsten seien auch heute noch alle Worte, die mit dem Konsonanten ‚M‘ beginnen.
Zum Glück habe sie einen Lehrer gehabt, der sie immer nur drei Zeilen lesen ließ und der Klasse untersagte, dabei zu lachen.
Eine Hilfe, die ihr gut tat und die sie im Gegensatz zu vielen anderen Stotternden auch heute annehmen kann: „Ich bin damit einverstanden, wenn mir jemand hilft, wenn ich ein Wort gar nicht rausbringe“, sagt sie.
Wütend macht sie dagegen, wenn andere ihr ins Wort fallen und gleichzeitig anfangen, miteinander zu sprechen ohne Daniela weiter am Gespräch zu beteiligen. Ebenso bitter für die Erwachsene: „Wenn Leute sie erst gar nicht ansprechen“ bei Elternabenden oder in sonstigen Gruppen etwa.
Von solchen Niederlagen hat Daniela jetzt die Faxen dick: Mit Hilfe von Karin Bockhorst von der Vechtaer ‚Kontakt- und Beratungsstelle Selbsthilfe‘ – angesiedelt beim Landes-Caritasverband für Oldenburg (LCV) – möchte sie eine Selbsthilfegruppe gründen. Einem Kind auf die Frage „Warum redest Du so komisch?“ selbstbewusst antworten „Weil ich ein Stotterer bin“, das kann sie inzwischen.
Und dem Rat einer Freundin „Ändere Dein Leben“ folgend möchte sie mit ähnlich Betroffenen lernen, vor einer Gruppe zu sprechen. Die Südoldenburgerin will aber auch einfach mal einen Ausflug machen, kegeln und nichts vom Stottern hören.
Um die Zeit des ‚Welttages der Stotternden‘ (Ende Oktober) lädt sie Interessierte aus Südoldenburg sowie aus Nachbarlandkreisen daher zu einem ersten Treffen ein am Dienstag, 6. November, um 19:00 Uhr ins Vechtaer ‚Haus der Caritas‘ (Neuer Markt 30). Weitere Infos bei Karin Bockhorst, LCV, Tel. 04441/8707-0.
*Name geändert
Dietmar Kattinger
Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel. 04441/8707-640