Hadiya bricht auf. Mit ihren fünf Kindern. Das jüngste sieben Monate alt. Ohne ihren Mann. Der ist an diesem Tag unterwegs. Dazu ihre behinderte Schwägerin. Hadiyas Schuhe sind nach einer Stunde kaputt. 45 Grad an diesem Tag. Es fällt ihr schwer - der zierlichen, kleinen Frau mit schwarzen Haaren, die Ereignisse dieses Tages zu erzählen. Das anlässlich des Weltflüchtlingstages am 20. Juni.
Sie haben eine Flasche Wasser dabei. "Das Wasser war zu heiß, um es dem Baby zu geben", erzählt sie - teils mit Hilfe einer Dolmetscherin. Das Wasser habe rationiert werden müssen. "Ich habe den Kindern aus dem Deckel einer Flasche gegeben", sagt sie.
Es folgen mehrere Nächte im Zelt bei Verwandten im irakischen Kurdistan. Selbst dort die Angst, ob IS-Kämpfer auch dorthin kämen und sie töten würden. Irgendwann geht es über die Türkei nach Deutschland, nach Vechta.
Im ersten Jahr lebt sie zu acht in einer Zweizimmerwohnung. "Nicht gut, aber besser als im Zelt", sagt die Frau, deren Lebensfurchen ihrem Gesicht nicht anzusehen sind.
"Ich war fremd hier in Vechta, aber ich habe mich nicht so gefühlt", schildert sie die Anfangszeit. "Alle waren nett."
Sie fängt an, im Gulfhaus Deutsch zu lernen. Eine Sozialarbeiterin meldet ihre Kinder in der Schule an. Hilft dabei, Hefte und Stifte für die Kinder zu kaufen. Über das Caritas-Projekt "Findus" übernehmen drei Familien eine Patenschaft für drei ihrer fünf Kinder. Noch heute würde sie sich mit diesen Familien treffen. Die Paten nehmen die Kinder mit in den Sportverein, helfen bei den Hausaufgaben. "Ich bin so sehr zufrieden. Ich kann nicht sagen, wieviel", sagt sie.
Über ein weiteres Caritas-Frauen-Projekt kocht sie mit anderen Müttern, fährt zum Goldenstedter See, übernachtet einmal ohne Kinder zusammen mit anderen Frauen in Dangast an der Nordsee. Zum ersten Mal in ihrem Leben.
Gab es in den zehn Jahren einen Moment, in dem sie das Gefühl hatte, angekommen zu sein? "Ja", sagt die heute 47-Jährige. "Als ich den Führerschein hatte und eine eigene Arbeit."
Arbeit heißt, dass sie in der Kantine einer öffentlichen Einrichtung in Vechta ihr eigenes Geld verdient, ebenso wie ihr Mann. Eine Schule durfte sie in ihrer Heimat nicht besuchen. Eine Frau habe dort nichts gegolten. Ein paar Worte Arabisch habe sie sich aber selbst beigebracht. Und hier den Führerschein auf Arabisch gemacht.
"Ich hatte nie geglaubt, dass ich das alles noch schaffen würde. Ich war doch schon so alt", sagt sie, deren Kinder in Deutschland teilweise bereits eine Ausbildung absolviert haben oder noch in Ausbildung sind.
Damit entspricht sie nach Aussagen von Caritas-Migrationsreferentin Amira Hasso der Statistik: "Im ersten Jahr geht es darum, das Trauma der Flucht zu verarbeiten, die Sprache zu lernen." Wenn es dann über Nachbarn, Sprach- oder andere Kurse Unterstützung gebe, könne die Integration gut gelingen, sagt Hasso. In der Regel dauere das etwa fünf Jahre. "Ohne Hilfe ist es schwierig."
Pressemitteilung
„Meinen Kindern Wasser aus dem Deckel einer Flasche gegeben“
Erschienen am:
19.06.2026
Beschreibung