Vechta (LCV) Eigentlich dachte Maria*, dass der Stress der Grund wäre. Dafür, dass der Erbseneintopf ihrer Mutter nicht mehr so schmeckte wie früher. Denn das hätte gepasst: das Geschäft in der Stadt, die Gaststätte und alles immer nur zwischendurch erledigen.
Aber dann kam irgendwann der Anruf aus der Nachbarsiedlung: Marias Mutter hätte an der Haustüre geläutet und gesagt, dass sie nicht mehr nach Hause finde.
Irgendwann Gewissheit
Aus dem ohnehin anfänglichen Gefühl "Mama gefällt mir nicht" wird irgendwann durch die weißen Punkte auf den CT-Bildern Gewissheit: "Meine Mutter ist dement", erinnert sich Maria an die Zeit vor 10 Jahren zurück. Damals als ihre Mutter 68 war.
Mit der Tatsache, dass die heute 78-Jährige den Pullover falsch herum anzieht, ihre Kleider im Gegensatz zu früher nur noch alle drei Tage wechselt, wird Maria irgendwann nur noch damit fertig, dass sie mit anderen eine Selbsthilfegruppe für pflegende Angehörige gründet.
Zorn auf die eigene Mutter
Dort stößt Hildegard* dazu. Die 70-jährige, die mit der Wahrheit, dass ihre heute 94-jährige Mutter "ein körperliches Wrack geworden ist", nicht fertig geworden ist. Doch das Reden helfe ihr. In der Runde, in der man keine Angst haben müsse, dass man die Nachbarn zu Hause mit immer den gleichen Themen langweile oder gar auf die Nerven gehe. In der auch mal die Wut auf den zu Pflegenden gesagt werden dürfe, für die man sich im Alltag gleich wieder schäme.
Und der Zorn ist verständlich: Etwa wenn Elisabeth* erzählt, dass ihr ebenfalls seit vier Jahren dementer Mann zwei Gesichter zeige: Das des starken, voll konzentrierten Vaters dann, wenn die Kinder auf dem Wohnzimmersofa säßen. Und der Zusammenbruch, das aggressive, lustlose Gesicht dann, wenn die Söhne und Töchter wieder zur Haustüre hinausgegangen seien.
Tränen schwappen beinahe über
Aber auch die aufgestauten Tränen schwappen beinahe über den sie stauenden Damm bei dem Gedanken daran, dass ihr Mann, mit dem sie seit 35 Jahren Tisch und Bett teilt, nicht mehr nach Hause findet. Zum Beispiel deshalb, weil in der Nähe eines Baumarktes die Straßenführung geändert wurde.
Rat könne man bekommen in der Gruppe, deren Mitglieder oft wieder gehen, wenn der Pflegebedürftige nach ein oder zwei Jahren verstorben sei. Aber auch nur erzählen oder nur zuhören könne man dort in der Küche einer Vechtaer Pflegeeinrichtung.
Interessenten von jung bis alt sind jederzeit willkommen. Die Gruppe trifft jeweils in der letzten Woche im Monat in Vechta. Auch mal zum Spargelessen. Weitere Infos bei Reinhild Blömer, Tel. 04447/436 oder Karin Bockhorst, Landes-Caritasverband, Kontakt- und Beratungsstelle Selbsthilfe, Tel. 04441/8707-0.
*Alle Namen geändert
Dietmar Kattinger, 28.04.2014